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Das orthodoxe Wiedererwachen in Rußland (4) (Γερμανικά, German)

16 Δεκεμβρίου 2009

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Alexander Solschenizyn und der Gulag

Lebt nicht anhand von Lügen!

Ein anderer Teil von Solschenizyns Botschaft an uns ist im Titel eines seiner Essays enthalten, die er in der Sowjetunion geschrieben hat. „Lebt nicht anhand von Lügen!“ Dies ist seine Antwort auf den Gulag und auf die Endstation der sowjetischen Gesellschaft im Allgemeinen: Eine neue Revolution wird Rußland nicht retten —, nur eine jetzige und geistliche Veränderung in jeder Person kann darauf hoffen, dies zu tun. Das Einzige, was im Sowjetstaat äußerst schwer zu ertragen ist, viele haben es bezeugt, ist die Lüge in allem. — Nicht bloß die tägliche Propaganda oder die beständige Geschichtsfälschung, sondern die tägliche Unehrlichkeit und der Mangel an Aufrichtigkeit, welche die Angst vor dem allmächtigen Staat hervorbringt und die Kooperation (gewollte oder ungewollte) mit der Lüge (die Arbeit an einem sozialistischen „Paradies“), welche die Grundlage für das ganze sowjetische System ist.

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Im Westen haben wir auch etwas an Erfahrung für dieses Phänomen der täglichen Lüge, wenn die Beziehungen zu andern eher von unserem Bedarf gelenkt werden, voranzukommen oder jemanden zu täuschen. Dies ist ein Erzeugnis des Erkaltens des Christentums. Für uns ist auch ein großer Teil unseres christlichen Lebens die Wiedererrichtung der Wahrhaftigkeit des täglichen Lebens. Doch wahrscheinlich lieben wir die Wahrheit nicht so sehr wie das Volk in Rußland —, weil wir jene enorme Größe der Lüge nicht erfahren haben, die das Sowjetsystem ist.

Zurück zur Erde

Ein noch anderer Gesichtspunkt in Solschenizyns Botschaft wird von seinen Kritikern als „Romantik“ gedeutet. Es ist wahrscheinlich daß am wenigsten Verstandene dessen, was er gesagt hat. Er wünscht ein humanes Element beim modernen Leben wiederzuerrichten, das unmenschliche Städte im Namen des „Fortschritts“ errichtet hat. In seinem Brief an die sowjetischen Führer spricht er sich beredt gegen die „vergiftete Zone von Asphalt und Benzin“ in russischen Städten aus, auch gegen die Nachahmung der westlichen Wolkenkratzer und gegen die „kontaminierten Gürtel von Ödland um industrielle Zentren herum“. Er mahnt die Rückkehr zu einer „nicht progressiven Wirtschaft“, zu „Städten, die nach alter Manier für Menschen, Pferde und Hunde“ gemacht sind und eine Rückkehr zum „höchsten Vermögen“ aller Völker — zur Erde an.

Selbstverständlich ist dies keine Romantik, sondern gesunder Menschenverstand, was mit jedem Tag offensichtlicher wird, zumal die Erschöpfung der Rohstoffvorräte und die Vergiftung der Umgebung mit Industrieabfall immer desaströser wird. Viele empfindsame Leute im Westen, darin eingeschlossen kleine Gemeinschaften von orthodoxen Christen, haben die Notwendigkeit für ein menschlicheres Leben in geringerer Geschwindigkeit außerhalb der großen Städte mit ihrer künstlichen Atmosphäre erkannt, welche eine Hindernis für christliche Warmherzigkeit und Wahrhaftigkeit ist. Die Situation unserer amerikanischen Farmer und die Tatsache, daß Farmen menschlich immer weniger attraktiv werden, könnte uns sehr gut die Ursache liefern, uns Sorgen zu machen, daß auch wir die Vorräte unserer eigenen amerikanischen Erde nicht weise gebrauchen.

Der Gulag kommt hierher

Da ist auch noch ein letzter Teil von Solschenizyns Botschaft an uns: Was in Rußland geschehen ist, kommt in den Westen. Amerika und der Westen müssen sich der universalen anti-christlichen Erscheinung des staatlichen Atheismus und seinem Gulag stellen. Dies ist die Botschaft, die Solschenizyn in seinen amerikanischen Reden gegeben hat, wie bei der Eröffnung des Harvardjahres 1978, wo er Amerika für den Verlust seines Willens, für seine Liebe zum Vergnügen und für seine Befriedigung mit dem Legalismus in den menschlichen Beziehungen geißelte. Laßt mich hier einige Passagen aus einer andern Rede zitieren, die er im Jahre 1975 hielt, vor der Versammlung der AFL-CIO in New York City:

„Ist es möglich oder unmöglich die Erfahrung jener hinüber auf andere zu bringen, die noch nicht gelitten haben? Kann ein Teil der Menschheit aus der bitteren Erfahrung eines andern Teils lernen oder nicht? Ist es möglich oder unmöglich jemanden vor einer Gefahr zu warnen? … Die stolzen Wolkenkratzer stehen da und zeigen in den Himmel mit den Worten: Dies wird nie zu uns kommen. Hier ist das nicht möglich. … Die Menschheit handelt so, als ob sie nicht verstünde, was Kommunismus ist, und sie will nicht begreifen, sie ist nicht fähig zu begreifen. … Die Essenz des Kommunismus liegt jenseits der Grenzen des menschlichen Verständnisses. Es ist schwer zu glauben, daß die Leute solche Dinge wirklich planen und auch ausführen …

Der Kommunismus hat die ganze Welt angesteckt mit dem Glauben an die Relativität von Gut und Böse … Unter aufgeklärten Leuten wird es als eher ungeschickt erachtet, solche Worte wie ‚Gut‘ und ‚Böse‘ im Ernst zu gebrauchen. Dem Kommunismus ist es gelungen, in uns einfließen zu lassen, daß diese Konzepte altmodisch und lächerlich sind. Doch wenn wir des Konzepts von Gut und Böse beraubt sind, was wird da übrig bleiben? Nichts als die gegenseitige Manipulation. Wir werden herabsteigen auf den Status von Tieren.

Was gegen den Kommunismus ist, das ist für die Mensch-lichkeit. Diese unmenschliche kommunistische Ideologie bedeutet, schlicht ein menschliches Wesen zu sein. … Es ist ein Protest unserer Seelen gegen jene, die uns sagen, wir sollen das Konzept von Gut und Böse vergessen.

Ich begreife, daß ihr die Freiheit liebt. Doch in unserer bevölkerten Welt müßt ihr eine Steuer für die Freiheit bezahlen. Ihr könnt nicht einfach die Freiheit für euch selbst lieben und einer Situation stillschweigend zustimmen, wo die Mehrheit der Menschheit auf dem größeren Teil des Globus Gewalt und Unterdrückung unterworfen ist.

Wenn man in euer Land reist und euer freies und unabhängiges Leben sieht, dann scheinen all die Gefahren, worüber ich heute gesprochen habe, in der Tat als Phantasiegebilde. Auf diesem Kontinent ist es schwer alle Dinge zu glauben, die auf der Welt geschehen. Doch, meine Herren, dieses sorglose Leben kann nicht so weitergehen in eurem Land oder im unseren. Die Geschicke unserer zwei Länder werden äußerst schwierig sein, und es ist besser, sich darauf vorzubereiten. …

Heutzutage gehen zwei Prozesse auf der Welt vor sich. Der eine ist der Prozeß der geistigen Befreiung in der UdSSR und in den andern kommunistischen Ländern. Der zweite ist die Hilfestellung, wie sie vom Westen auf die kommunistischen Regenten ausgedehnt wird, ein Prozeß von Konzessionen, von Entspannung und der Ausbeutung ganzer Länder.

Wir sind Sklaven seit unserer Geburt, doch wir hungern nach Freiheit. Ihr seid jedenfalls frei geboren. Doch wenn dem so ist, weshalb helft ihr jenen, denen die Sklaven gehören?“1

Diese Botschaft Solschenizyns ist direkt an Amerika gerichtet: Wacht auf, lernt von denen, die gelitten haben, kehrt zu den religiösen und moralischen Wurzeln der Menschheit zurück. Steht aufrecht im Guten und gegen das Böse. Dies alles ist sehr richtig und sehr bedeutsam. Doch es ist nicht das Herz dessen, was das zeitgenössische Rußland dem orthodoxen Amerika und dem Westen zu sagen hat. Um auf dieses Herz der Angelegenheit zu stoßen, will ich mich nun einer anderen zentralen Figur des orthodoxen Wiederauflebens in Rußland zuwenden.

Quelle: Der Königsweg in der Postmoderne. Beiträge aus der «Orthodoxen Welt». Priestermönch Seraphim Rose. Edition Hagia Sophia – Grafik & Verlag Gregor Fernbach (www.edition-hagia-sophia.de), Straelen, Deutschland, 1. Auflage, 2009, Seiten 111-115.

Internet: http://www.orthodoxie-versand.de/product/158/priestermoench-seraphim-roseder-koenigsweg-in-der-postmoderne.html