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Das orthodoxe Wiedererwachen in Rußland (3) (Γερμανικά, German)

11 Δεκεμβρίου 2009

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Alexander Solschenizyn und der Gulag

Zunächst will ich über Alexander Solschenizyn sprechen. Sein Leben ist ein typisches sowjetisches Leben. Geboren ein Jahr nach der Revolution, verlor er seinen Vater im ersten Weltkrieg. Er studierte Mathematik, um eine Arbeit zu bekommen, und diente als Soldat im zweiten Weltkrieg. Er war mit der Sowjetarmee in Deutschland, wurde im Jahre 1945 verhaftet, weil er in privaten Briefen respektlose Bemerkungen über Stalin geschrieben hatte. Er erhielt dafür ein „mildes“ Urteil von acht Jahren. Am Ende seiner Strafzeit im Jahre 1953 wurde er zur Verbannung im Exil im südlichen Kasachstan am Rande der Wüste verurteilt. Dort bekam er Krebs und starb beinahe daran, wurde aber in einer Krebsklinik geheilt. Im Exil gab er Unterricht in Mathematik und Physik an der Primarschule und schrieb im Geheimen Prosa. Während der Ära der Entstalinisierung wurde er rehabilitiert und im Jahre 1961 wurde sein erstes Buch auf Russisch veröffentlicht.

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Seine andern Bücher wurden in Rußland nicht veröffentlicht, doch ihre Veröffentlichung außerhalb Rußlands machte ihn zu einer unbequemen Berühmtheit für die Sowjetbehörden. Im Jahre 1970 erhielt er den Nobelpreis für Literatur und 1975 wurde er in den Westen ins Exil gezwungen. Dort hat er weiterhin Romane geschrieben und zum Westen über seine Erfahrung in Sowjetrußland gesprochen. Im Laufe seiner Leiden und in der Gefangenschaft kam er zum christlichen Glauben, und er ist ein orthodoxer Gläubiger.

Solschenizyn lebt jetzt außerhalb Rußlands (in Vermont), und er ist in einem Sinne nahezu ein Symbol des zeitgenössischen Wiederauflebens der Orthodoxie in Rußland. Während der Revolution geboren, machte er die sechzig Leidensjahre des russischen Volkes durch und kam als Sieger hervor mit einem starken christlichen Glauben und einer Botschaft für die Welt, die auf seiner Erfahrung gründet. Das Meiste, was uns Rußland heute sagen kann, läßt sich in Solschenizyn sehen. Hier will ich über die Hauptpunkte dieser Botschaft zu sprechen versuchen. Es ist nicht ein Auszug aus seiner Dichtung, sondern aus den öffentlichen Ansprachen und Artikeln.

Zunächst hat uns Solschenizyn über den Gulag erzählt.

Selbstverständlich haben viele über das sowjetische Sklaven-system vor Solschenizyn gesprochen, doch die Welt hörte nicht hin. Erst in jüngeren Jahren war die Welt bereit, hinzuhören auf diese schreckliche Wirklichkeit, die Solschenizyn mit erschütternder Kraft beschrieben hat.

Er spricht über den Gulag nicht nur als dem eigentlichen Gefängnissystem eines modernen Landes, sondern als dem logischen Ende der ganzen modernen Geschichte, wenn Gott einmal aus den Leben der Menschen entfernt ist. Dies ist nicht ein schieres „russisches“ Experiment —, es ist das Ende aller Völker, die Gott aus dem Lebensmittelpunkt entfernen. Und der Gulag ist ein wesentlicher Teil der atheistischen Gesellschaft —, wenn man ihn entfernt, wird das sowjetische System selbst zerbröseln. Rußlands Erfahrung mit dem Gulag steht für die ganze Menschheit. Und niemand sollte sich anmaßen, einen Kommentar über die Natur und den Sinn der Geschichte abzugeben, bis er dieses Buch gelesen hat.

Geistliche Wiedergeburt

Am meisten will ich über einen nahezu paradoxen zweiten Gesichtspunkt des Gulags sprechen: Er offenbart das Böse in der Natur des Menschen und den Irrsinn des modernen Traums von irdischem Glück —, doch zugleich ist es auch ein Anfangspunkt für die geistliche Wiedergeburt des Menschen, nämlich die Bedingung, welche die geistliche Wiedergeburt Rußlands so viel tiefgreifender macht als die unterschiedlichen „spirituellen Revivals“ der freien Welt. Solschenizyn selbst beschreibt dies im zweiten Teil des Archipels Gulag:

„Es war mir gegeben, diese wesentliche Erfahrung auf meinem gebeugten Rücken, der unter der Ladung nahezu brach, aus meinen Gefängnisjahren wegzutragen: Wie ein menschliches Wesen gut und wie es schlecht wird. In der Vergiftung meiner jugendlichen Erfolge habe ich mich unfehlbar gefühlt, und darum war ich gewalttätig. In der Übersättigung der Macht war ich Mörder und Unterdrücker. In meinen bösesten Augenblicken war ich überzeugt, daß ich etwas Gutes tue, und mir wurden genug systematische Argumente geliefert. Und erst als ich auf verfaulendem Gefängnisstroh lag, verspürte ich in mir die ersten Bemühungen des Guten: Allmählich wurde es mir da eröffnet, daß die Linie, welche Gut und Böse trennt, durch Zustände hindurch verläuft, nicht durch Klassen, und auch nicht zwischen politischen Parteiungen — sondern gerade durch jedes menschliche Herz — durch alle menschlichen Herzen. … Und selbst in Herzen, die von Bösem niedergedrückt sind, verbleibt ein kleiner Brückenkopf des Guten. Und selbst im besten aller Herzen, verbleibt … eine unausgerottete, kleine Ecke von Bösem.“1

Wie viel tiefer ist doch diese Beobachtung als das, was wir im Westen sagen könnten, gegründet auf unserer eigenen Erfahrung. Und weshalb ist es tiefer? — Weil es auf Leiden gründet. Und das sind die Wirklichkeit der conditio humana und der Anbeginn des geistlichen Lebens. Christus kam für ein Leben des Leidens und des Kreuzes. Und die Erfahrung in Rußland befähigt jene, die sie durchmachen, dies tief empfunden zu sehen. Deshalb ist das christliche Wiederaufleben in Rußland so tiefgreifend.

Und was ist mit uns im Westen und insbesondere in Amerika? Haben wir ein Bild, das unsere Situation so gut erklärt wie der Gulag dies von Rußland tut? Ich befürchte, es gibt ein Bild, ein äußerst wenig schmeichelhaftes, nahezu äquivalent zum Gulag. Es ist „Disneyworld“ — ein Bild, welches das Beispiel unserer sorglosen Bemühung um „Fun“ (ein äußerst unchristliches Wort) verkörpert. Unser Mangel an Seriosität, unser Leben in einem Paradies für Narren, die sich des wirklichen Sinnes des Lebens nicht oder kaum gewahr sind.

Wer auch immer Schriften begegnet ist und sie gelesen hat von Leuten, die aus der UdSSR und anderen kommunistischen Ländern kommen, kann nicht umhin zu bemerken, wie seriös — bisweilen bis zum Punkt der Düsternis — diese Leute sind. Ich sage nicht, wir sollten düster wie dies sein — das wäre Fälschung unsererseits —, doch daß wir uns vergegenwärtigen sollten, ist daß unsere Erfahrung in der Freiheit und wirtschaftlichem Wohlergehen uns zu einem großen Ausmaß geistig verkrüppelt hat, und wir müssen die Botschaft von Leuten wie Solschenizyn uns tief zu Herzen nehmen und uns ihr aussetzen. Wir müssen den Gulag studieren und ihn zu einem Teil unserer eigenen Erfahrung machen, soweit wir dies können.

Fortsetzung folgt…

Quelle:

Der Königsweg in der Postmoderne. Beiträge aus der «Orthodoxen Welt». Priestermönch Seraphim Rose. Edition Hagia Sophia – Grafik & Verlag Gregor Fernbach (www.edition-hagia-sophia.de), Straelen, Deutschland, 1. Auflage, 2009, Seiten 108-111.

Internet: http://www.orthodoxie-versand.de/product/158/priestermoench-seraphim-roseder-koenigsweg-in-der-postmoderne.html